KOMPLEXE SEELENSTRUKTUREN MIT BIZARREN RÜCKKOPPLUNGEN

MZ 12/04 von Helmut Hein

Aufregend: "Der Postmann und der Mann ohne Hund" boten beim "Kunstverein Graz" Musik "für das 21. Jahrhundert."

Kleine Overtüre im Graz-Hinterzimmer. Thema mit Variationen: Vier Musiker für das "21. Jhdt." (Selbstbeschreibung) versuchen, leicht panisch, einem Reporter, den die sorgfältig komponierte Pressemitteilung nicht erreicht hat, klar zu machen, was ihn gleich erwartet.

Unerhörtes, auf jeden Fall. So unerhört, dass die Mär sogar bis zum neuen Kulturhauptstadtbotschafter Carlo Schmid gedrungen ist, der jetzt smart und cool, im souveränen Kunstjazzer-Outfit, der Beantwortung der alles entscheidenden Frage harrt: Ob nämlich diese Postmänner geeignet seien, die Nachricht von der Champions-League-Tauglichkeit Regensburgs in alle Welt, oder zumindest bis nach Berlin und Brüssel, zu tragen.

Keine Jazzer wollen diese radikalen Improvisatoren sein. Soviel wird schnell klar. Und schon gar keine Artschool-Jazzer. Darauf legt vor allem der Guitarrero Wolfgang Schöller, im Hauptberuf Kunstprofessor, höchsten Wert. Ansonsten betont er in dieser adventlichen Stunde noch, dass der Sound in diesem länglichen Kunstvereins-Weihnachtsausstellungenraum leider nicht "trocken" genug sei. Geflüsterten Gerüchten zufolge sind beim Soundcheck Bilder von der Wand gefallen.

Was also erwartet uns? Hochgeschwindigkeits-Lärm als finaler Härtetest für müd-überreizte Zivilisationsmenschen? Ein Gesamtkunstwerk, das Kunstkollege und Musikkenner Josef Mittlmeier in bestem britischen Understatement als "gewalttätig und gewaltig" beschrieben hat? Eine wüste Geräusch-Performance, deren komplexe Strukturen vollkommen voraussetzungslos sein sollen und nur eine Ressource und Referenz kennen: die Tiefen der Psyche der Musiker, hier und jetzt; nicht "Hirnschwitzen", wie einst bei der Freejazz-Avantgarde der Marke Cecill Taylor, sondern purer, wenn auch mit Blut durchmischter Seelenschweiß?!

Das Konzert beginnt mit einem Verblüffungseffekt: mit einer Überbietung von John Cages Stück 4:33. Wer einen Höllenlärm erwartet hat, wird mit Stille und gedehnter Zeit konfrontiert. Schöller vor allem vollzieht in aufreizender Gelassenheit alle Pop-Riten vom Gitarre-Umhängen und Einstöpseln bis zum Bier-aus-der-Flasche-Trinken und Am-Verstärker-Turm-Rütteln.

Ein Konzert als durchstilisierte Konzertverweigerung, als Livestummfilm ohne Musikbegleitung. Aber dann bricht es doch noch los, mitten aus dem trügerischen Auge des Hurrikans hervor: Thomas Jaax, der überaus beeindruckende Gesten- und Spracherfinder, beginnt eine herrische Ansprache ans Publikum, die von ferne an Chaplin als "großen Diktator" erinnert: Man versteht nichts, aber man spürt, wessen Stunde geschlagen hat, längst bevor die Zungenrede in maskierte Publikumsbeschimpfung umschlägt: Warum seid Ihr hier? Dazu bläst Manfred Klein-Haupt auf seiner Posaune so wüst, so jäh auf - und abbrechend, dass man sich nicht nur um das Schicksal der legendären Mauern von Jericho Sorgen machen muss. Und Peter Ackermann, der "wildeste von allen" (Thomas Jaax), prügelt sein Blech und erstickt mit der freien Hand sofort wieder den brachialen Sound. Sehr trocken! Und dazu läuft, ohne Unterbrechung, ein hochartifizielles Video, mit rötesten Lippen, die auf Überlebensgröße anschwellen und sofort wieder ins Diffuse verschwinden, mit sich jagenden Nachzeichnungen berühmter Szenen, mit verwischten Dokumentaraufnahmen und Filmschnipseln.

So entsteht ein Sehraum, in dessen Mitte die Musiker agieren: als virtuelle Stadtneurotiker und Agitatoren der Angst: als Priester von Augenblicken, die sofort wieder implodieren, aber alles, was je geschehen ist (und noch geschehen wird) in sich enthalten.

Es ging das Gerücht, dass diese "Postmänner" über eine sensationelle Saalräumquote verfügen - von 300 auf 80 in zehn Minuten!

Aber hier im "Kunstverein Graz" flüchtete so schnell keiner. Alle spürten, dass sie Zeuge eines raren Ereignisses wurden. Auch die, die bei einem Rest von Ironie Zuflucht suchten.

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... leben die komplexen, improvisierenden Strukturen des "Postmann" aus ihrem distinktiven Verhältnis zu traditionellen Musikrichtungen, wie Jazz und Pop. Die konsequente Weiterentwicklung musikalischer Räume, auch in Verbindung mit visuellen Strukturen, ist Ziel des Ensembles, seine "Einsatzfähigkeit", die von Künstlerperformances, Ausstellungsevents, Vertonung von Film bis zur Bespielung sakraler Räume reicht, dennoch universell. (a.d. Projektbuch RMMX, 02/05)

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Klar, wackelig und suchend auf fremden Terrain, die Energie ist unser Motor, bringt uns auf den Punkt, den wir nicht kennen und wenn er fast erreicht, kaum aushaltbar, eröffnet sich ein neuer, anderer Weg, von dem wir nur seine Richtung zu kennen glauben.

Nicht Komponieren, nicht Einstudieren, nicht den Noten hinterherhasten - die Partitur ist die Seelenstruktur ...

Eine ewige Improvisation aus der wir endlos schöpfen. Immer wieder fasziniert von den eigenen Reichtümern, die uns oft nicht glauben machen, dass wir es selbst sind, die dort zu Werke gehen ...

(Der Postmann und der Mann ohne Hund, 2002)